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Spitzen Batik

Eine Vergessen gegangene Kultur

Dieser Text stammt aus dem Büchlein „Das Harte und das Weiche“ 1978 von W. B. Probst… kommentiert von Robert Osterwalder.

Die Rückkehr in die Heimat im Jahre 1975 ist vom künstlerischen Standpunkt aus einerseits zu bedauern, denn sobald die stimulierende Ambiance Indonesiens fehlte, brach auch die Reihe der grossen Batikleistungen ab. Anderseits muss dieser Umstand als glücklich angesehen werden, weil W. B. Probst erst jetzt seine Erfahrungen und Erkenntnisse in unserem Land weitervermitteln konnte. Vorerst trat jedoch eine längere Phase des Sich Findens, der Reaklimatisierung ein, die auch das künstlerische Schaffen betraf. Der abstrube Szenenwechsel ging nicht ohne Anpassungsschwierigkeiten vorüber. Im Bereich des Batiks musste W. B. Probst einsehen, dass seine indonesischen Werke hier an Ausstellungen zwar viele Bewunderer fanden, die Motive und die Art dieser Batik sich aber nicht ohne weiteres in die Schweizer Stuben verpflanzen liess. Das heisst, die erhoffte Breitenwirkung des Batiks, für den er sich so sehr einsetzte, blieb versagt. Deshalb begann er sich Gedanken zu machen, welcher Batik seinen hiesigen Verhältnissen angepasst sei und ohne grosse technischen Voraussetzungen bei uns so populär werden könnte, wie es der indonesische Batik in seinem Heimatland ist. Liess sich vielleicht ein „Schweizer Batik“ finden?

Durch die umfangreichen Häkelarbeiten seiner damaligen Frau Rosita kam ihm die Idee, die Formen der angefertigten Deckchen für den Batik zu übernehmen. Intensive Experimente seit Ende 1977 führten dazu, dass er schliesslich die Spitzen selber in den Batik einbaute, indem er mit dem Wachs-Tjanting-Verfahren gehäkelte Deckchen und Spitzen mit aufeinander abgestimmten Farben einfärbte. Schon nach knapp einem Jahr konnte er eine ansehnliche Kollektion schmucker Handarbeiten vorweisen. Aus den bis anhin kontrastarmen, unifarbenen Häkeldeckchen kristallisierten sich jetzt leuchtende Farben, dekorative Ornamente, aparte Musterungen und vielfältige Nuancen. Die flachen Garnprodukte gewannen optisch an Relief und Charakter. Diese Metamorphose wird augenscheinlich, wenn das Ausgangsprodukt dem Endprodukt gegenübersteht, wie auf den Fotos exemplarisch illustriert. Natürlich werden durch den Färbungsprozess die Handarbeiten oftmals ihrem ursprünglichen Zweck entfremdet. Batikdeckchen wollen nicht mehr länger als blosse Unterlage dienen. Aufgenäht, auf einen gebatikten Hintergrund aus Bourett-Seide und manchmal noch mit nicht entfernten Wachsflächen bereichert, ergeben sie als eigentliche Bilder einen gediegenen Wandschmuck. Insbesondere Klöppelarbeiten, Filethäkeleien und Kunststrickarbeiten eignen sich ihren flächigen Motiven wegen bestens für die Färbung; die damit erzielte plastische Wirkung ist unvergleichlich.

Allgemein ist die Arbeit mit feinem Gewebe dankbarer, denn gröberes benötigt infolge der grösseren Saugfähigkeit bedeutend mehr Wachs. Fortsetzung weiter unten…

Auch die gebatikten Spitzen gewinnen an Ausstrahlung, wenn sie am Fenster als Galerien oder als Wandabschluss in ihren Farbtönen dem Raum angepasst sind. Doch stellen sich die schmalen Bänder durch ihre Länge als recht arbeitsintensiv heraus. Sie können ebenso viele Arbeitsstunden erforderlich machen wie ein anspruchsvolles Batikbild. Dabei ist aber das Färben weit weniger aufwendig als das Herstellen der Häkelvorlage selbst. Indem W. B. Probst begonnen hat, die seit Jahrhunderten unifarbenen, meist weissen Spitzen und Häkeleien mit Farbmustern zusätzlich zu bereichern und damit neu zu strukturieren, glaubt er, einem vergessen gegangenen Kunstgewerbe wieder zu neuem Leben verholfen zu haben. Im „Häkelbatik“ den jedermann – auch ohne zeichnerisches Talent – als kreativen Ausgleich erlernen kann, feiert eine alte Tradition der Textilveredelung ihre Renaissance. Aber nicht nur dem einzelnen kann damit in seinen Mussestunden geholfen sein; vielleicht liessen sich in den Drittweltländern beispielsweise ganze Industriezweige aufbauen, die sich auf das Färben von Spitzen oder Ähnlichem spezialisieren. Es kämen dann die chinesischen Venice nicht mehr nur uniweiss oder beige in unsere Wahrenhäuser und Boutiquen, sondern möglicherweise ebenso mit roten Blumen, grünen Blättern und blauen Umrandungen versehen, wie sie W. B. Probst hier gestaltet hat. Batik zur Freude und Batik als „Broterwerb“, ein nicht unsinniger Gedanke! Jedenfalls sind auch auf dem Gebiet des „Häkelbatik“ dem schöpferischen Geist kaum Grenzen gesetzt, und Häkelmaterial ist sicher in reichen Mengen vorhanden, wenn man nur schon an Grossmutters Truhen- und Kasteninhalte denkt.

Es mag seltsam anmuten, dass sich ein Mann mit diesem eher fraulichen Kunsthandwerk des Batiks allgemein und des „Häkelbatiks“ im Besonderen befasst. Aber W. B. Probst fühlt sich seit seinem ersten Kontakt mit dem Batik dieser ursprünglich östlichen Mal- und Färbekunst voll und ganz verpflichtet, und zwar in ihrem technischen, praktischen und ideellen Bereich. So bemüht er sich, den Leuten, die sich in die Geheimnisse des Batik einführen lassen, stets die nötigen Utensilien in perfekter Ausführung bereitzustellen. Kursteilnehmer werden mit qualitativ hoch stehendem indonesischem Batikwachs versorgt, entsprechende Original-Tjanting stehen zum Gebrauch bereit. In Zusammenhang mit einer Schweizer Firma befasste er sich gründlich mit der Herstellung neuer lichtechter und ungiftiger Farben von besonderer Leuchtkraft. Nicht genug damit! Er konstruierte einen unfallsicheren Batik-Ofen “Tixor Malam“ in Form eines 300 Watt-Elektro-Kochers mit einem eingebauten Thermostat, dessen erste Serie kürzlich (1978) in den Verkauf gelangte.

So viel liegt ihm an der Verbreitung des Batik, dass er vor Jahren bereits ein Batikbüchlein („Batik – das schlafende Phänomen“) gratis abgegeben hat, welches in die elementaren Schritte zum erlernen des Knüpf-Batiks aufzeigte. Ein Wahlspruch von W. B. Probst lautet: “Alles für den Batik – Batik für alle – für dich für mich“. Wie sein Leistungsausweis zeigt, hat er ihn kompromisslos ausgelebt.

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